Die humanitäre Katastrophe im Südosten der Ukraine

„Die Armeen müssen abgezogen werden, sowohl diese als auch jene“, sagt eine Frau aus der Siedlung Schowanka, die sich in der sogenannten „Grauen Zone“ des Konfliktes im Donezbecken befindet. „Zumindest sehe ich das so. Weil sowohl von der einen als auch von der anderen Seite aus geschossen wird. Ich weiß nicht, wer mehr schießt. Ich sitze im Keller. Seit Januar bis Anfang September diesen Jahres habe ich nicht ein Mal zuhause übernachtet. Eines kann ich nicht verstehen: Warum?! Warum müssen Menschen sterben und Häuser zerstört werden? Die Menschen werden zu Obdachlosen gemacht. Wenn dein Haus zerbombt wurde, bist du obdachlos…“
Solche Siedlungen wie Schowanka gibt es im Donezbecken hunderte, und Menschen, die nicht verstehen, was und warum passiert – hunderttausende. Zerstörte Häuser, Krankenhäuser, Schulen, Geschäfte, gesprengte Straßen und Brücken, tausende Tote und Verletzte, das ist die Realität, mit der der Osten der Ukraine konfrontiert ist.
Nach Angaben der UNO haben etwa 10 Tausend Menschen ihr Leben in dem zweieinhalb Jahre andauernden Konflikt verloren, mehr als 21 Tausend wurden verletzt. Aber das ist noch nicht alles. Mehr als eine Million Ukrainer waren gezwungen, ihre Häuser zu verlassen und in die benachbarte RF oder andere Länder zu fliehen. Anderthalb Millionen sind innerhalb des Landes umgezogen, um ihr Leben neu zu organisieren und ihre Kinder zu schützen. Allerdings konnten nur wenige ihren Platz fernab der kleinen Heimat finden. Arbeitslosigkeit, die erniedrigende Notwendigkeit, dutzende von Bescheinigungen zu sammeln für den Bezug von lächerlich geringen Zahlungen, viele Stunden Wartezeit an den Kontrollpunkten, Diskriminierung – das ist nur ein Teil der Probleme, mit denen die Umsiedler in ihrem Alltag konfrontiert sind.
Seit dem Beginn des bewaffneten Konflikts sind allein auf dem Gebiet des Donezbeckens, das von der Ukraine kontrolliert wird, mehr als 9,2 Tausend Wohnhäuser und Infrastrukturgebäude beschädigt worden. Das sind etwa 7,5 Tausend Wohnhäuser, 1,4 Tausend Objekte der Energieversorgung, 69 Objekte der Gasversorgung, 29 medizinische Einrichtungen, 39 Schulen und 24 Kindergärten, 33 Objekte der Verkehrsinfrastruktur und viele andere. Was das Gebiet betrifft, dass nicht von der Ukraine kontrolliert wird, so sieht die Situation da keineswegs besser aus. Die Bevollmächtigte für Menschenrechte der selbsternannten Volksrepublik Donezk, Darja Morozova, berichtet, dass 5720 Wohnhäuser, 744 Stromleitungen und Verteilerstationen, 171 Objekte der Wärmeversorgung, 46 Objekte der Wasserversorgung, 2669 Objekte der Gasversorgung, 11 Abwasser- und Kanalisationsobjekte, 81 medizinische Einrichtungen, 447 Schulen und Kindergärten, 54 technische Berufsschulen, 54 Hochschulen und Sportschulen, 51 Kulturobjekte, 219 Objekte der Verkehrsinfrastruktur, 56 Industrieobjekte, 88 Handelsunternehmen, 224 Objekte aus anderen Bereichen zerstört wurden. Es ist schrecklich, sich vorzustellen, wieviel Mittel und Anstrengungen nach dem Ende des Krieges aufgebracht werden müssen, um die Infrastruktur auf den vorigen Stand wiederherzustellen.
Neben den zerstörten und verbrannten Gebäuden gibt es aber noch etwas, was Jahrzehnte lang an die Katastrophe erinnern wird, die in unserem Land am Anfang eines neuen Jahrtausends stattgefunden hat, eines Jahrtausends des Hochgeschwindigkeits-Internets, der Roboter und der Gentechnik, einer Zeit, als, so scheint es, die Menschheit schon längst aufgehört haben müsste, Kriege zu führen. Es sind die Minen. Zerstreut über das gesamte Donezbecken, auf den Feldern und Pflanzungen, in den Städten und Siedlungen können sie viel Leid auch nach dem Ende des bewaffneten Konfliktes bringen.
Ein gewaltiges Problem im Osten unserer Heimat ist das Defizit an medizinischer Hilfe – sowohl an Medikamenten als auch eigentlich an medizinischem Personal. Während der Zuspitzung der Kampfhandlungen ist es einem Menschen mit einer „gewöhnlichen“ Krankheit praktisch nicht möglich einen Krankenwagen zu rufen, weil es ja jene gibt, die dringender einen Arzt brauchen, als Menschen mit einer akuten Peritonitis oder mit einer Lungenentzündung. Allerdings erreicht die medizinische Hilfe einige Bezirke an der Front überhaupt nicht. Das ist in erster Linie die sogenannte „Graue Zone“. Ein Gebiet mit einer Ausdehnung von etwa 100 km zwischen den gegnerischen Seiten ist ohne Strom, Gas und medizinische Versorgung.
Die politischen Ansichten der Bewohner der sogenannten „Grauen Zone“ sind gespalten. Die Einen unterstützen die separatistischen Republiken, die Anderen die Ukraine. Allerdings führt das nicht zu Streit und Konflikten. Die Dorfbewohner, die sich in Kellern vor den Bomben verstecken, haben keine Zeit, um sich wegen Politik zu streiten. Die Not vereint, aktiviert Mechanismen der gegenseitigen Hilfe unabhängig von der Zugehörigkeit zu Fahnen und Parolen. Heute fällt beim Nachbarn eine Bombe in den Hof und er braucht Hilfe – das ganze Dorf hilft. Denn schon morgen fällt die Bombe in einen anderen Hof.
Auf dem Weg nach Hause erinnerte ich mich an die Gesichter dieser Menschen. Gewöhnliche ukrainische Gesichter. Genau dieselben Gesichter kann man in Kiew treffen, in Tschernigow, in Chmelnyzkyj, in jeder beliebigen anderen ukrainischen Stadt. Ich dachte über ihre gegenseitige Hilfe nach und darüber, dass das zum Beispiel für die gesamte Ukraine werden muss. Ich schaute in die Gesichter der ukrainischen Soldaten. Sie unterschieden sich durch nichts von den Gesichtern anderer Soldaten, jener, die ich auf der anderen Seite der Trennlinie traf. Allerdings, im Gegensatz zu den Bewohnern der „Grauen Zone“, sind diese Leute bereit sich gegenseitig für die Interessen anderer, für sie völlig unnützer Leute zu töten, für deren Karrieren und Plätze im Parlament und in der Regierung. Wahrscheinlich sind wir einfach noch nicht an dem Punkt angelangt, wenn politische Meinungsverschiedenheiten an die zweite Stelle treten und die Menschen sich vereinen im Namen der Zukunft. Ich bin mir sicher, dass früher oder später das eintrifft, sonst kann das Schicksal unseres Volkes sich zu einer zerstörten und von allen Seiten durchschossenen „Grauen Zone“ wandeln.